Guestbook


Die Todgeweihten  
Die Gärten von Damaskus  
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Die Vestalin  
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Der Kreuzritter  





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 img7.gif  Morituri - Die Todgeweihten
 


„Der Winter wird dieses Jahr früh kommen!“ prophezeite Mantano und blickte grimmig zum Himmel. Seine Miene ließ darauf schließen, wie wenig ihm diese Aussicht behagte.

„Schon möglich, aber das bedeutet noch lange nicht ein vorzeitiges Ende der Spiele“, entgegnete der Mann an seiner Seite. Er schlang seine sorgsam gearbeitete Toga nochmals um den Arm und schürzte den schön geschwungenen Mund, der seine Gesichtszüge erwärmte. Als ob ihn sein Gespür gar nicht trügen konnte, hob er leicht eine Braue seiner sanften dunklen Augen, würdigte Mantano jedoch keines Blickes. „Die Spiele sind noch nicht vorbei, und sicher wird zu Ehren Apolls noch eine Ludi …“

„Gaius Octavius Pulcher, welch eine angenehme Überraschung!“ unterbrach ihn eine Frauenstimme und ließ ihn verwirrt umherblicken. Eine von hellhäutigen Sklaven getragene, mit Stoffen verhangene Sänfte kämpfte sich einen Weg durch die Menge.

„Theodosia, meine Liebe!“ Gaius neigte leicht den Kopf und schenkte der hohen Frau ein Lächeln. Dem Charme, der von dieser Geste ausging, erlagen die Damen reihenweise, das wusste er.

Die Herrin richtete sich auf. Gaius glaubte ihre Wangen für einen Augenblick aufleuchten zu sehen. Gemächlich trat er an die Sänfte heran. „Dein Gatte muss großes Vertrauen in die Götter haben, wenn er eine Frau, die selbst Venus’ Erhabenheit überstrahlt, so ungeschützt auf Roms Straßen lässt!“ Er näherte sich ihr und flüsterte, hauchte fast, als er bei ihr stand: „Ich würde dich nur mit einer Kohorte Soldaten ziehen lassen, und doch würde mich meine Eifersucht verbrennen!“

Sie lächelte verlegen, ihre Wangen leuchteten und verliehen dem blassen Gesicht etwas mehr Farbe. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck, den er zu verbergen versuchte, indem er seine mit Goldfäden durchwirkte Tunika glatt strich, erkannte Gaius, dass er sein Ziel erreicht hatte.

„Ich habe dich lange nicht mehr auf dem Forum gesehen und Roms Gesellschaft vermisst schon ihren schönen Gaius.“ Theodosia reichte ihm erhaben die Hand, während es in ihren Augen sehnsüchtig funkelte. „Welches Geschick lässt dich so plötzlich wieder von deinem Hügel herabsteigen?“

„Nichts treibt mich mehr in die Stadt als deine Anmut, an der ich mich weiden will!“ erwiderte Gaius und hielt Theodosias Blick stand, während er ihre Finger nahm und mit einer galanten Geste einen Kuss andeutete.

Ein Augenaufschlag folgte. „So, wirklich?“

„Vor einer so klugen Frau wie dir kann ich nichts verbergen.“ Gaius räusperte sich, sein Tonfall wurde förmlicher. „Meine Geschäfte treiben mich hierher!“

Theodosia lehnte sich zurück und in ihrem Gesicht spiegelte sich unversehens Abscheu wider, als sie Mantanos Gegenwart bemerkte. Ihre Stimme klang mit einem Mal kühl, abweisend, und ihre Miene wandelte sich von Freundlichkeit in Verachtung. Sie zog die Hand zurück. „Geschäfte! Natürlich!“

Gaius wagte einen Blick über die Schulter und musterte seinen Begleiter. Mantanos Erscheinung ließ jeden instinktiv zurückweichen. Er wirkte derb, animalisch und weckte den Glauben, er könne einen Bullen mit seinen bloßen Händen auf den Rücken drehen, um ihm im gleichen Atemzug das Genick zu brechen. Sein wettergegerbtes Gesicht erweckte kein Vertrauen. Es wurde von einer Narbe – dem letzten Zeugnis einer Verletzung, welche ihm beinahe sein rechtes Augenlicht gekostet hatte – wie von einer Erdfurche in zwei Hälften geteilt. Er war ein Mann, den man eher in einer Spelunke am Hafen als auf dem Forum anzutreffen erwartete und ihm nach Möglichkeit aus dem Weg ging. 

„So will ich dich nicht weiter von deinen Geschäften abhalten“, wandte sich Theodosia wieder Gaius zu. „Doch mein Gatte wäre sicher erfreut, dich wieder einmal auf einem unserer Feste zu sehen.“ Sie befahl ihren Trägern mit einem Handwink, weiterzugehen, als hätte sie es unerwartet eilig.

Verstimmt starrte Gaius der Sänfte nach, die alsbald vom Treiben des Forums verschluckt wurde.

„Die edle Theodosia scheint heute wenig Zeit zu haben“, bemerkte Mantano mürrisch, als er sich Gaius wieder genähert hatte.

„Nun, sie zählt zu den Römern, die meine Lieblingsbeschäftigung nicht billigen“, erklärte Gaius schulterzuckend und drehte sich Mantano zu. Gemeinsam schlenderten die beiden Männer durch die bevölkerte Straße dem Markt entgegen.

Gaius begutachtete gelangweilt die Waren der Händler, sah sich wahllos um, als hätte ihn die Begegnung mit Theodosias den wahren Grund, das Forum aufzusuchen, vergessen lassen. Ihre Abneigung ärgerte ihn. Sicher, es war ein ehranrüchiges Gewerbe, das er trotz seines Standes betrieb, er, der Abkömmling eines alten und ehrenwerten Hauses mit langer Tradition. Doch seine Gladiatorenschule, deren Name in Rom immerhin in einem Atemzug mit dem Ludus Magnus genannt wurde, war seine grossen Leidenschaft, die er unter keinen Umständen aufgeben wollte.

Mit einem Zungenschnalzen verscheuchte Gaius die Gedanken an Theodosia und wandte sich wieder seinem eigentlichen Anliegen zu. Er wollte die Sklaven in Augenschein nehmen. Vielleicht befand sich unter ihnen ein viel versprechender Gladiator, der für die Arena geboren war. Bei diesen Überlegungen erheiterte sich sein Gemüt und vor sein geistiges Auge schob sich das Bild des Amphitheaters, wo die Massen lautstark jubelnd ihre Helden begrüßten.

„Gaius Octavius, mein Guter“, zerstörte eine weitere Stimme die erfreulichen Bilder in seinem Kopf. Missmutig blickte er sich um und sah einen Mann, der eine Hand in seine Toga krallte und an dessen Seite ein junges Mädchen schlenderte. Das safranfarbene Kleid ließ es wie eine kleine Prinzessin aussehen.

„Hier geht es zu wie in einem Taubenschlag. Ich sollte mich nur nachts auf das Forum wagen“, murrte Gaius. Er ließ Mantano stehen und trat dem Mann entgegen.

„Senator Publius!“

„Gaius, mein Junge, wenn das nicht Bestimmung der Götter ist, dass wir uns heute hier begegnen! Ich wollte dich schon besuchen!“

Mit offenen Armen, als wolle er einen Verwandten begrüßen, trat der Staatsmann auf ihn zu.

Gaius wich einen Schritt zurück und entging der unerwünschten Herzlichkeit nur dank einer freundlichen Verbeugung. „Die Götter fügen es und werden wissen, was richtig ist! Ich fühle mich geehrt, dich zu treffen, Senator!“

Publius grinste. „Du erinnerst dich noch an meine jüngste Tochter?“ Sein Antlitz überzog sogleich der Schimmer eines tüchtigen Geschäftsmannes, während er das Mädchen vor sich schob.

Gaius lächelte gequält. „Natürlich. Ich kenne Antonia Publia schon, seit sie laufen kann. Mir scheint, als sei es erst gestern gewesen. Sie wird zu einer Schönheit erblühen, die ihre Mutter in den Schatten stellt!“ Er blickte das Mädchen kurz an. Sie war unscheinbar und ihr Aussehen hatte mehr Ähnlichkeit mit dem ihres Vaters als dem ihrer Mutter; die väterlich geerbte Habichtnase war nicht zu übersehen.

Publius, der die schmeichelhafte Lüge nicht bemerkt hatte, nickte verschwörerisch, zwinkerte Gaius zu, legte einen Arm um seine Schulter und zog ihn auf die Seite. „Sie wird dieses Jahr zwölf. Höchste Zeit sie zu verheiraten!“

Gaius fror das Lächeln ein. Antonia Publia hatte ihre Blicke züchtig auf den Boden gesenkt. Sie wirkte wie ein mit Absicht vergessenes Päckchen.

„Geschätzter Senator, es wäre mir eine Ehre, deine Tochter zu heiraten!“ Ein Knoten schnürte Gaius’ Hals zu, als er das von Zufriedenheit und Stolz überzogene Gesicht des Senators sah. „Aber ich kann nicht, der Tod meiner Frau …“

„Gaius!“ Publius’ freundliche Maske fiel mit einem Schlag. „Octavia ist vor fünf Jahren gestorben, kinderlos, und ein Mann in deinem Alter sollte …“

„Octavias Tod ist für mich Grund genug, mich nicht übereilt zu binden!“ winkte Gaius eilig ab. „Zudem wird deine Tochter mit den Jahren sicherlich noch viel schöner, als sie jetzt schon ist. Wir sollten ihr noch etwas Zeit lassen!“ Er räusperte sich verlegen. „Verzeih mir, Senator, aber leider drängen mich heute andere Geschäfte auf das Forum!“ Hastig verabschiedete er sich und ließ Publius und seine Tochter, die erleichtert aufatmete, stehen.

„Hungrigen Löwen in der Arena gegenüberzutreten ist erfreulicher! Welche Dämonen reiten die Leute, mir jedes Kind anzubieten, das gerade eben erst laufen gelernt hat?“ brummte er, während er mit Mantano in der Menge untertauchte und der Lärm des Marktes Publius’ letzte Worte verschluckte.

Mantano hatte sichtlich Mühe, sich eines Schmunzelns zu erwehren. „Dein Ludus Gladiatorius mag einigen ein Dorn im Auge sein, aber dennoch bist du einer der begehrtesten Männer Roms. Viele edle Familien würden sich geehrt fühlen, mit dem alten Haus Octavius eine Bindung einzugehen.“

„Sie wollen nicht meinen Namen, sondern mein Geld! Vor allem Senator Publius, der mir ein kleines Vermögen schuldet und nun die Absicht hegt, auf diese Weise seine Schulden bei mir zu tilgen! Ich bin dreimal so alt wie seine Publia und könnte ihr Großvater sein!“ erwiderte Gaius verärgert. „Vielleicht sollte ich lieber nach Hause gehen! Für heute hatte ich schon genügend unangenehme Begegnungen erlebt!“

„Rufius ist wieder in Rom!“ erinnerte Mantano ihn an den eigentlichen Grund seines Marktbesuches.

„Nun, dann sollten wir vielleicht doch sehen, was er zu bieten hat!“ Verstimmt stapfte Gaius weiter.

„Der letzte Kauf aus seinem Bestand war nicht gerade gewinnbringend“, bemerkte Mantano vorsichtig.

Gaius stutzte einen Augenblick und frischte sein Gedächtnis mit einer abwertenden Gebärde auf. „Cupidio! Ich hatte ihn schon beinahe vergessen. Nun, seinen Tod hatte er sich selbst zuzuschreiben. Außerdem war er recht günstig.“

„Er war ein Verlust“, belehrte ihn Mantano.

„Damit muss ich leben. Einbußen gab und gibt es immer wieder. Bisher jedenfalls stand eine gütige Tyche meiner Schule stets zur Seite!“ Gaius betrachtete das Abbild eines Gladiators an einer Hauswand, der seinen besiegten Gegner weit überragte, das Schwert triumphierend in die Höhe reckte, von den Massen gefeiert wie ein Gott. Bei diesem Anblick hob sich seine Stimmung. Er nickte dem Bildnis entgegen: „Craton hat diesen Verlust schon längst wettgemacht!“

Mantano wirkte unbeeindruckt. „Wäre er nicht so eigensinnig, würde ich dir zustimmen. Seine Glücksgöttin darf in keinem Kampf, nicht für einen Herzschlag, ihre Hand von ihm nehmen. Craton ist sehr von sich überzeugt, zu unachtsam, zu leichtsinnig! Erst recht, wenn er sich als König der Arena feiern lässt!“

Gaius entging Mantanos abfälliger Tonfall nicht, doch er schenkte ihm keine Beachtung.

„Und genau deshalb liebt ihn der Plebs!“ Er machte begeistert eine ausschweifende Handbewegung, als ob er die Arena vor sich sähe. „Die Menge tobt, wenn es scheint, er könnte unterliegen! Craton weiß, was er tut. Er hätte Schauspieler werden können, wäre er nicht zu mir gekommen.“

„Oder er wäre schon längst getötet worden!“ Mantano rang sich ein müdes Lächeln ab, knurrte bissig, während er das Bildnis an der Mauer, das Roms Helden huldigte, beäugte. „Wenn er so weitermacht, verdrängt ihn ein größerer Schauspieler! Du solltest ihm nicht zu viel erlauben, sonst wird er dir eines Tages auf dem Kopf herumtanzen. Ich an deiner Stelle …“

„Mantano“, zischte Gaius und funkelte ihn an. „Du vergisst dich! Du bist der Ausbilder meiner Gladiatoren und nicht mein Ratgeber! Ich habe dich nicht nach deiner Meinung gefragt! Und denk daran: Auch wenn du jetzt mein Lanista bist, so warst auch du einer meiner Sklaven!“

Die Rüge schien Mantano wie eine Peitsche, von unsichtbarer Hand geführt, getroffen zu haben. Angespannte Stille breitete sich zwischen den beiden Männern aus.

Nach einigen Augenblicken der Besinnung senkte Mantano untertänig den Kopf. „Vergib mir, Herr. Es steht mir wirklich nicht zu, dich zu belehren!“

Gaius musterte ihn abschätzig, dann wandte er sich ab und liess seinen Blick wieder über das Forum gleiten. „Beim Merkur! Marcus Titius ist auch hier!“ stiess er gereizt hervor.

Mantano blickte in die gleiche Richtung, in die Gaius starrte. Er kniff seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Auch er wird sich wohl umsehen wollen.“

Gaius rümpfte die Nase, als hätte ihn der Atem der Pestilenz erreicht. Er hätte viel dafür gegeben, wenn ihm diese Begegnung erspart geblieben wäre. Sogar Theodosia und Publius waren nichts im Vergleich zu Marcus Titius. Seine Gegenwart schätzte Gaius so wie die einer stinkenden Ratte.  Nach Möglichkeit wollte er ihn weit weg von sich wissen, ihn am liebsten übersehen. Doch dank seiner Erscheinung konnte Titius gar nicht übersehen werden. Er bewegte sich mühsam durch die Menge, sein übermäßiges Gewicht ließ ihn nur behäbig vorwärts schreiten. Ein Doppelkinn, das bei jeder Bewegung wie warme Hafergrütze wabbelte, stützte sich schwer auf seine Brust, und jeder Schritt trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Er war wahrlich keine Augenweide. Nur etwas verband Gaius mit Titius: ihre Leidenschaft für die Spiele.

„Nun, wenn er sich einen neuen Kämpfer aussucht ...“, sinnierte Gaius, hielt aber plötzlich erschrocken inne. „Die Götter fluchen mich, er hat uns gesehen!“

Das Schicksal schien sich in der Gestalt von Marcus Titius gegen ihn verschworen zu haben. Der Mann hob grüßend seinen Arm und steuerte geradewegs auf ihn zu.

 

Die Todgeweihten
© Cornelia Kempf

 
 

 

  
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