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Die Todgeweihten
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... Der Emir blieb stehen, während Nasrin sich schutzsuchend hinter seinem Rücken versteckte. Ungläubig und neugierig blinzelte sie hervor. Ihre Blicke streiften Jamal, der überrascht eine Augenbraue hob und ein Lächeln auf seine fahlen Lippen zu zaubern versuchte, als er sie entdeckte. Nasrin tat so, als hätte sie den Hauptmann übersehen. Die Dienerschaft steckte die Köpfe zusammen und tuschelte miteinander. Ein Kind trat neugierig nach vorne, wurde aber von seiner Mutter rasch zurückgezogen. Nasrin musterte den Ungläubigen mit einer Mischung aus Neugierde und Verachtung. Sie rümpfte die Nase, denn Salma erzählte immer, Christen würden fürchterlich stinken und nach Schwefel und Pech riechen, da sie für die Hölle bestimmt waren. Doch alles, was sie roch, waren die scharfen Gerüche des Stalls. Erleichtert atmete sie auf. Der Christ schien weder Nasrin noch den Emir wahrzunehmen.
Er hielt seinen Kopf gesenkt, als würde er schlafen. Zusammengekauert wie ein
wildes Tier, aber doch bereit, seine Fänge, wenn der richtige Augenblick
gekommen war, in ein ahnungsloses Opfer zu schlagen. Nasrin schluckte: So sahen also Christen aus. Unter rußigem
Schmutz schimmerten weiße Hände, heller als ihre eigene Haut, an manchen
Stellen so weiß wie die Blüten der Akazien. So helle Haut wie diese hatte sie
noch nie gesehen. Jene der Männer, die sie kannte, war viel dunkler. Die Haut
derer, die aus dem fernen Afrika stammten, gar schwarz wie Ebenholz. Doch dieser Sklave hier erschien ihr mit seiner weißen Haut
farblos, bleich, gar krank. War er am ganzen Leibe so hell? So weiß wie
Elfenbein? Sie konnte nicht mehr entdecken, denn der übrige Körper war mit
Staub, Schmutz und trockenem Blut bedeckt – genauso wie sein Hemd und seine
übrige Kleidung. Mit einer Stiefelspitze stieß einer der Soldaten dem
Ungläubigen in die Seite. Doch der Christ rührte sich immer noch nicht. Erst
als der zweite Wächter an einer Kette zerrte, sprang er wutentbrannt auf, riss
den Kopf herum, als wolle er die Soldaten, gleich einer wilden Bestie,
anfallen. Jamal griff ebenso schnell an den Schaft seines Säbels, bereit, den Kafir im nächsten Atemzug zu töten. Das
Murmeln der Diener verstummte schlagartig, nur eine Sklavin raunte:
„Allmächtiger Allah“, während sich andere entsetzt abwandten. Erschrocken wich Nasrin zurück und betrachtete den
hochgewachsenen Fremden, der alle, ihren Vater wie auch Jamal überragte. Das
zerrissene Hemd ließ eine wohlgeformte Brust erkennen, die durch eine große
Narbe, die sich quer über seinen Leib zog, entstellt wirkte. Der Christ ballte
seine mächtigen Hände zu Fäusten. Verzweifelt versuchte er, sich zu
beherrschen, denn er war sich seiner Ausweglosigkeit bewusst. Aber vielleicht ist er einfach nur gerissener und wartet auf
einen günstigeren Augenblick, um sich auf die Wachen zu stürzen oder zu
fliehen, dachte Nasrin und musterte ihn weiter mit ruhelosen Blicken. Seine
Körpergröße erschien ihr unglaublich und sie fragte sich, ob alle Männer aus
dem Abendland von solchem Wuchs und Aussehen waren. Sie wusste, dass in
Damaskus Christen, meist Sklaven lebten, aber da sie selten den Palast verließ,
konnte sie sich kein richtiges Bild über sie machen. Neugierig wanderte ihr Blick über den Körper des Mannes und
blieb an seinem Hals hängen, um den ein Ring aus Eisen lag, befestigt an einer
Kette. Die Soldaten hatten ihn wie einen räudigen Hund an der Leine in diese
Stallung geschleppt, ihn jeglicher Würde beraubt und aus einem Menschen einen
Sklaven, gar ein Tier gemacht. Nasrin schauderte plötzlich. „Lass dich ansehen, Nasranî“,
befahl der Emir. Nasrin war verwundert. Verstand dieser Mann ihren Vater?
Sprachen die Christen überhaupt arabisch? Der Ungläubige rührte sich nicht. Jamal schlug ihm
erbarmungslos in den Magen, und stöhnend krümmte er sich, rang nach Atem, und
als er taumelte, wirkte er noch magerer, noch ausgemergelter und erschöpfter. Jener Soldat, der die Kette hielt, packte den Fremden an den
Haaren, riss ihn hoch und zwang ihn, den Emir anzublicken. Nasrin erschrak erneut, als sie so unerwartet in sein
bärtiges, schmutziges Gesicht blickte. Zottig fielen seine verfilzten Haare
über die Stirn, ihre wirkliche Farbe war durch Schmutz und Ruß kaum mehr zu
erkennen. Der Hunger hatte sich in die knochigen Wangen eingegraben, und die
Augen saßen in tiefen Höhlen. Doch diese Augen waren groß und ungewöhnlich
hell, so blau wie das klare Wasser einer Oasenquelle, so blau wie der Himmel
nach einem Sandsturm, so strahlend wie ein fein geschliffener Saphir. Gebannt starrte sie ihn an. Bei Allah, solche Augen hatte
sie noch nie gesehen. „Versteht er uns? Spricht er unsere Sprache?“ Unzufrieden
betrachtete der Emir Saladins Geschenk. Jamal nickte. „Er kann einige Worte Arabisch, nicht viel,
aber genug, um ihm mehr beizubringen,
Hazrat! Und er ist gelehrig – wenn er will.“ Suleyman verzog seine Lippen, ließ die Hand seiner Tochter
los und trat auf den Ungläubigen zu. In dessen Gesicht war ungezügelter Hass zu
lesen. Nasrin bebte, als sich ihre Blicke trafen, und rasch zog sie
den Khimaar vor ihr Gesicht, um nicht
befleckt zu werden. Sie spürte seine unglaubliche Wut, aber auch seine
demütigende Hoffnungslosigkeit. „Du, Christ, kannst du mit uns reden? Wie heißt du?“ Der
Emir musterte den Fremden nun genauer, doch dieser sah ihn nur schweigend an,
als verstünde er kein Wort. Der Soldat zerrte wieder an der Kette, und blitzschnell fuhr
der Kafir herum, ohne aber seinen
Peiniger anzugreifen. War dies bewundernswerte Beherrschung oder Angst? Für
einen Augenblick zögerte der Soldat, dann rammte er ihm den Schaft einer
Peitsche in den Magen. „Genug jetzt“, fuhr Suleyman dazwischen und riss
gebieterisch seine Hand hoch, als der Soldat ein weiteres Mal zuschlagen
wollte, während Jamal nur schweigend danebenstand. Der Fremde krümmte sich nach vorne, stöhnte, zitterte am
ganzen Leib, vor Hunger und vor Schmerzen. Es war ein erbärmlicher Anblick, und
Nasrin wandte sich ab. „Nun gut, du wirst bald lernen, mit uns zu reden, Nasranî. Und du wirst Allahs Großmut
erkennen und mir sicherlich gut dienen“, fügte der Emir hinzu und wies Jamal
an, den Mann allein in den Stallungen zu lassen. Die Lippen gespitzt, gab der Hauptmann den Soldaten ein
Zeichen. Nasrin wagte erst wieder aufzublicken, als sie das Rasseln
der Kette vernahm und erleichtert erkannte, wie das Ende an einem der eisernen
Ringe, die gewöhnlich für die prächtigen Pferde bestimmt waren, befestigt
wurde. Nasrin blickte den Fremden wieder verstohlen an. Ein
Ungläubiger, der mit seiner Anwesenheit das Haus des ehrwürdigen und
gottgefälligen Emirs al-Dir befleckte. Einen Christen zu Suleyman zu schicken –
Salah ad-Din, dieser gottesfürchtige Mann, der die Frömmigkeit des Emirs
schätzte, musste wahrlich gute Gründe dafür gehabt haben...
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